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Foucault

Foucault hat den für die Semiotik wichtigen Begriff des Dispositivs geprägt. "Dispositiv" heisst nach Foucault (1983, 105f) eine Diskursformation, in der Macht, Recht und Wahrheit verknüpft und Praktiken institutionalisiert sind, die menschliches Begehren (désir) und gesellschaftliche Not (urgence) befriedigen. Sex gilt Foucault (1978, 119f) als Beispiel eines solchen Dispositivs, die Justiz ist ein anderes (Foucault 1975). Im Falle der Justiz formt das Dispositiv die Gesamtheit der modernen rechtsstaatlichen Pflichten. Es gibt dem Rechtszeichen seinen aktuellen Inhalt. Zwar sind Macht, Recht und Wahrheit abstrakt zu unterscheiden, aber institutionell wirken sie zusammen. Macht schafft die Handlungsdisposition, Recht verpflichtet zur konkreten Aktion, und Wahrheit orientiert diese Pflichten mit der Folge, "dass wir von der Macht gezwungen werden, die Wahrheit zu produzieren; sie fordert es, sie braucht sie, um zu funktionieren: wir müssen die Wahrheit sagen, wir sind gezwungen oder dazu verurteilt, die Wahrheit zu bekennen oder sie zu finden" (Foucault 1978, 76). Rechtsregeln, Machtmechanismen und Wahrheitswirkungen vereinheitlichen sich im juristischen "Dreieck" (Foucault 1978, 75), in dem von einer Seite Handlungen befohlen, auf der anderen für diese Befehle Grenzen gesetzt und von einer dritten Seite Grenzen wie Befehle auf ihren wahren Inhalt nach der wirklichen Sachlage kontrolliert werden. Die Vernetzung der drei Diskurse des Rechts, der Macht und der Wahrheit führt dazu, dass in der modernen Jurisprudenz keiner mehr "rein" anzutreffen ist. Die Macht tritt rechtsförmig auf, nicht "blank", und das Machtinteresse im Recht ist darauf gerichtet, die Wahrheit zu finden. Wir müssen die Wahrheit sagen und sind "der Wahrheit unterworfen auch in dem Sinne, dass die Wahrheit das Gesetz macht, dass sie den wahren Diskurs produziert, der - zumindest teilweise - selbst Machtwirkungen bestimmt, übermittelt, vorantreibt" (Foucault 1978, 76).
Auf Jeremy Benthams Projekt des "Panopticons" gründet Foucault (1975) seine Theorie von der Umstellung der Strafen. Führten Körper- und Leibesstrafen zu Martern, so ersetzt der moderne Vollzug die Martern durch Zurichtungen der Disziplin. Die Macht des Panopticons besteht nicht darin, dass die Gefangenen gefoltert, sondern dass sie beobachtet werden. Der zentrale Wachturm in der Mitte ermöglicht jederzeit den allseitigen Einblick in die ringförmig an der Peripherie errichteten Gefangenengebäude, in denen sich nicht mehr die amorphe, dicht gedrängte, ruhelose Masse befindet, sondern in jeder Minute der Tagesablauf der Individuen kontrolliert wird. Während die Gefangenen immer mit einer Kontrolle rechnen müssen und keine Privatheit beanspruchen können, bleibt der Machthaber im zentralen Turm unsichtbar und darf wählen, wen er wie lange observiert (Foucault 1978, 256ff). Die Befolgung des Befehls muss nicht mehr durch ständige Gewaltwirkung und Marterung erzwungen werden, sondern sie erfolgt über die "Disziplinierung" der Individuen, die Gewalt einschließt, aber nicht zum augenfälligen Merkmal macht. Der Befehl ist seitdem das Scharnier zwischen Machtwillen und Rechtsform geblieben. Wer etwas will, befiehlt es, und wenn er von Rechts wegen als einer eingesetzt ist, der befehlen darf (sonst wäre er ein Narr), dann ist das, was er sagt, legitimer Rechtsbefehl.
Erwähnte Literatur:
Foucault, Michel (1973), Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma s?ur et ma frère ... Deutsch von W. H. Leube: Der Fall Rivière. Materialien zum Verhältnis von Psychiatrie und Strafjustiz. Frankfurt a.M. 1975: Suhrkamp; ders. (1975), Surveiller et Punir. La naissance de la prison. Deutsch v. W. Seittter. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1976; ders. (1978), Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wahrheit und Wissen. Berlin: Merve; ders. (1983), Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Deutsch von U. Raulff u. W. Seitter. Frankfurt a.M.: Suhrkamp (Paris 1976).