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Lyotard

Lyotard hat sich in den semiologischen Diskurs mit dem Ausdruck "postmodern" eingeschrieben, obwohl dieses Wort nicht von ihm erfunden worden ist und er sich selbst zu modernen Lehrmeistern wie Kant, Marx oder Freud bekennt. Aber er hat die Postmoderne gegen alle vernunfteifrigen Kritiker verteidigt und den Begriff der Vernunft wie des Diskurses dabei verändert. Im Diskurs wird für Lyotard wichtig, worüber geschwiegen wird und was noch nicht zur Sprache gebracht worden ist. Das postmoderne Gefühl entsteht anhand der Lücken in den Sprachfertigkeiten. Die Postmoderne erzeugt einen allgegenwärtigen Widerstreit, d.h. Zeichen für den Abgrund zwischen Gefühl und Handeln und damit für den Augenblick in der Sprache, in dem das, was in Sätze gefasst werden soll, noch nicht ausgedrückt werden kann. Das ist der "Einsatz", wie er 1983 in Le différend formuliert wird. Nicht zufällig knüpft Lyotard an Kants Lob des Enthusiasmus an.
1. Es gibt mehrere Stationen im Denken und Schreiben Lyotards, die Einblick in die spezifisch postmodernen Probleme der Zeichenkonstitution erlauben. Die erste Station ist in Deutschland wenig bekannt und nach wie vor nicht übersetzt. Lyotard kommt aus der sozialistischen Opposition der sechziger Jahre gegen de Gaulle; erst 1971 erscheint seine Dissertation "Discours, Figure", in der die Grenzen des Diskurses mit Hilfe von Anagrammen ("a m a a m" lautet die Widmung, die vor dem Différend als "aAMma" wiederkehrt), bildlichen Diagrammen, sprachlichen Paradigmen und figurativen Syntagmen in der Nachfolge von Ferdinand de Saussure gezogen werden. Es geht um das Zeichenkonzept. Ein Grundgedanke taucht hier - ausgedrückt in den Mitteln der Sprache - als Opposition zum sprachlichen Ausdruck auf. Das sprachliche Zeichen bezieht Zeichen nur auf andere Zeichen und soll doch etwas anderes Nichtsprachliches repräsentieren, für das es eben noch kein angemessenes Zeichen gibt, sondern nur Versuche der bezeichnenden Repräsentation. Das Zeichen wird damit zu einer Form der Beziehung, in der es selbst als Grenze wirkt (nachzulesen im Kapitel Signification et désignation bei Lyotard, Discours 1971: 73ff). Der Autor (oder Zeichenbenutzer) bleibt diesseits der Grenze auf der Seite sprachlicher Bezeichnungen. Hier erscheint alles aufdringlich, deutlich und klar. Aber die Form des Zeichens benutzt den Autor nur, die andere Seite des Bezeichnenden bleibt wie das Zeichen selbst (was wäre es jenseits oder außerhalb des Bezeichnenden?) immer entfernt, dunkel und vage.
2. Die zweite Station führt den Ausdruck "Postmoderne" ein. Schlagartig wird Lyotard 1979 mit einer Auftragsarbeit für den Universitätsrat im frankokanadischen Québec berühmt, die Condition postmoderne heißt (was sich nur unzulänglich als "postmodernes Wissen" übersetzen läßt). Die postmoderne Befindlichkeit beruht nicht auf Glaubenssätzen, Wissensbeständen oder Meinungspartikeln. Sie beginnt mit dem fundamentalen und nicht mehr behebbaren Zweifel an den Meistererzählungen (grands récits) der Moderne, deren Gegenstand als "Gott", das "Proletariat", die französische u.a. "Nation" oder auch die weltumspannende "Vernunft" bezeichnet waren. Für Lyotard gibt es ein historisches Ereignis, das den Übergang von der Moderne mit ihrem Fortschrittsglauben, ihren Menschheitshoffnungen und ihrer Forschungslogik in die postmoderne Fragestellung bezeichnet: Auschwitz (Lyotard, Postmoderne für Kinder: "Randbemerkung über Erzählungen"). "Post-" versteht Lyotard in diesem Zusammenhang ausdrücklich nicht als nachträgliche, gebrochene Wiederkehr eines eigentlich überlebten Zustands, sondern als Durcharbeitung eines Traums, so wie Freud die Analyse, Anamnese und Anamorphie von Erinnerungen lehrt, die einem "anfänglichen Vergessen" anheim gefallen sind (Lyotard, Postmoderne für Kinder: "Notiz über die Bedeutung von "post-").
3. Gegen die großen Erzählungsobjekte wie Gericht, Gott und Weltgewissen wenden sich die "heidnischen Instruktionen" (Instructions païennes), die Lyotard schon 1977 erstmals gegeben hat. Ihr Motto lautet: auf unfromme Weise Gerechtigkeit suchen, und ihre Methode belebt die sokratische Form des Dialogs wieder. Im Ergebnis dient sie der Rehabilitierung des weniger Wahrscheinlichen. Lyotard betreibt die Wiederaufnahme eines alten Verfahrens. Der Rhetor Protagoras (siehe auch Exkurs "Protagoras" in: Der Widerstreit) verteidigt einen Schläger und greift dabei je nach Bedarf auf zwei entgegengesetzte Argumente zurück. Ist sein Mandant schmächtig und schwach, dann zeige schon sein Äußeres, daß er nicht Täter einer Körperverletzung sein könne - was Aristoteles einst als wahrscheinlich lobte. Aber Protagoras tut auch das Umgekehrte. Ist sein Mandant stark und furchteinflößend, so plädiert er, jener könne unmöglich Täter des vermuteten Übergriffs sein, weil jeder, der so stark sei, sofort Verdacht und Anklage gewärtigen müsse. Das - urteilte Aristoteles (Rhet. 1402 a) hingegen - sei "Lüge und keine wirkliche, sondern scheinbare Wahrscheinlichkeit und in keiner anderen Theorie als der rhetorischen und sophistischen begründet". Gegen diese Bewertung richtet sich Lyotards unfrommer Protest. Zu Unrecht werde das "absolut Wahrscheinliche" vor dem nur wahr Scheinenden bevorzugt. "Wogegen erheben die Freunde der Weisheit Einspruch? Gegen eine logische List, die zugleich auch moralisch, politisch und ökonomisch ist. Sie besteht ganz einfach darin, das, was sich als das Absolute, als das letzte Wort ausgibt, in Beziehung mit sich selbst zu setzen; es also zur Menge der relativen, einzelnen Dinge zu zählen. Wenn das Wahrscheinliche dem Richter als Kriterium dienen kann, um ein Urteil zu fällen, warum sollte sich dann der Angeklagte nicht dieses Gebrauchs des Wahrscheinlichen für seine Zwecke bedienen können? Warum sollte die verdoppelte Wahrscheinlichkeit, die auf sich selbst bezogen ist und weiß, wie raffiniert sie ist, weniger vornehm und gültig sein als die 'reine' Wahrscheinlichkeit?" (aus "Über die Stärke der Schwachen", erschienen in der Ausgabe "Patchwork der Minderheiten". Berlin: Merve 1977: 75).
4. Mit einer rhetorischen Umkehrung beginnt Lyotard sein 1983 erscheinenes Hauptwerk "Le différend", das in der deutschen Übersetzung in Anlehnung an Kant und ohne Rücksicht auf sprachgenaue Übersetzung (die différend als "Meinungsverschiedenheit" verstünde) "Der Widerstreit" heißt. Lyotard verkündet hier dem Wahrscheinlichen als Wegweiser zur Wahrheit den Streit und schichtet weitere Fragen auf: Wenn "Zeuge" jemand ist, der tatsächlich etwas mit eigenen Augen gesehen hat, wie kann es dann einen Zeugen für die Endlösung und für den Tod in der Gaskammer geben (das rechtssemiotische Problem von Auschwitz)? Wenn die Presse frei ist und infolgedessen alle bedeutenden Werke auch veröffentlicht werden können, kann es dann ein noch unbekanntes Meisterwerk geben? und schließlich: Wenn "Kommunist" jemand ist, der auf den realen Kommunismus vertraut, wie könnte er dann in Opposition zum realen kommunistischen Herrschaftssystem stehen. Alle diese Fragen sind befremdlich, denn im Alltag sind wir häufig bereit, den Begriff des Ganzen auch zum Kreis der von ihm bezeichneten Einzeldinge zu zählen. So muss der Zeuge nicht wirklich das Tatopfer sein. Juristische Autoren sagen: Gaskammern können auch durch Indizien bezeugt werden. Das glauben wir jedenfalls; und natürlich glauben wir auch, daß es unbekannte Meisterwerke gibt, weil nicht nur der Publikumserfolg zählt. Allerdings haben die nichtkommunistischen Beobachter die Opposition gegen real existierende Regimes von jeher nicht als kommunistisch angesehen. Die Neigung, das Ganze als Element der Teile zu verstehen, wechselt, aber sie besteht und verdeckt damit den grundsätzlichen Widerstreit, den Lyotard so vorstellt (1983, Nr. 12):
  • Der Kläger trägt seine Klage bei Gericht vor, die Argumentation des Beschuldigten will die Nichtigkeit der Anklage aufziegen. Ein Rechtsstreit liegt vor. Widerstreit (différend) möchte ich den Fall nennen, in dem der Kläger seiner Beweismittel beraubt ist und dadurch zum Opfer wird. Wenn der Sender, der Empfänger und die Bedeutung der Zeugenaussage neutralisiert sind, hat es gleichsam keinen Schaden gegeben... Zwischen zwei Parteien entspinnt sich ein Widerstreit, wenn sich die "Beilegung" eines Konflikts, der sie miteinander konfrontiert, im Idiom der einen vollzieht, während das Unrecht, das die andere erleidet, in diesem Idiom nicht vorkommt.
5. Am Anfang des Widerstreits und als sein erstes Beispiel figuriert Auschwitz. Ausgerechnet die Frage des Zeugenbeweises für den Mord in der Gaskammer lockt dabei die erste Antwort über Eigenschaften des Diskurses hervor. Die unausgesprochene Verknüpfungsregel zwischen dem ersten und dem jeweils folgenden Satz eines Diskurses charakterisiert seine Beweismöglichkeiten. Das jeweilige Axiom bestimmt das Ergebnis des Diskurses der Art: "Entweder sind Sie das Opfer eines Unrechts oder Sie sind es nicht" (Nr. 8 des Widerstreits). Der Rechtsstreit (litige bei Lyotard) unterscheidet sich vom différend dadurch, dass die Alternative entschieden und durch eine einseitige Wahl verdeckt wird. Das weiß der Angeklagte nicht, und nur wenn man es weiß, wird das Schweigen zwischen den Sätzen als eigener Satz hörbar und anschaulich. L´instant du langage où quelque chose qui doit avoir mis en phrases ne peut pas l´être encore (so die Originalfassung von Nr. 22 des Widerstreits) - dieser Augenblick bedarf des Films, des Bildes oder des Streifzugs durch ein Leben - insgesamt also "Sätzen", die nicht im Medium der Schriftsprache ausgedrückt werden. Genau an dieser Stelle nistet sich die Condition postmoderne ein.
Literatur zum Weiterlesen:
Aristoteles, Rhetorik. Stuttgart 1995.
Lyotard, Jean-François: Postmoderne für Kinder. Briefe aus den Jahren 1982 - 1985. Wien 2000.
Lyotard, Jean-François: Der Widerstreit. 2. Aufl. München 1989.
Lyotard, Jean-François, Streitgespräche oder Sprechen nach Auschwitz. 1995
Lyotard, Jean-François: Der Enthusiasmus. Kants Kritik der Geschichte. Wien.
Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien 1999 Lyotard, Jean-François: Instructions païennes. Paris 1977.
Welsch, Wolfgang: Vernunft. Frankfurt a.M. 1996.
Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne. Weinheim 1997.